Brief ans Universum Nr. 3

Brief ans Universum Nr. 3

Liebes Universum,

ich muss jetzt nochmal was zum Engel-Mann loswerden.
Wenn zwei sich liebende Menschen beschliessen, einen gemeinsamen Raum zu erschaffen, ist das ja erstmal eine tolle Sache.
Könnte man doch eigentlich „Love-Room“ nennen.
Man hält sich gegenseitig den Spiegel vor die Nase und kann zügig erkennen, wann dieser anläuft oder dringend mal wieder geputzt werden sollte.
Spannend wird es aber, wenn einer von beiden beginnt, sein Veto-Recht einzusetzen.
Und mehr oder weniger laut ruft: „Stop, hier ist meine Grenze.
Mehr Entwicklung brauche oder will ich gerade nicht.
Ich bleibe genau HIER stehen.“

Er, der wohl jetzt bei dir als Engel aktiv ist, hat mir bestens demonstriert, wie sowas geht. (siehe mein Brief #2 an dich)
Und ich will ehrlich mit dir sein, das macht keine gute Laune. Ich will dir erzählen, wie das ist.
Das ist, als ob man gemeinsam in eine Achterbahn steigt.
Man spürt die Aufregung im Magen, der Puls hämmert und sobald sie sich in Bewegung setzt, geht man davon aus, auch unten wieder anzukommen.
Also man hofft es zumindest sehr.
Ja, man denkt auch schonmal dran, ob auch die ganzen Schrauben wirklich dort sitzen, wo sie hingehören, aber sowas wischt man schnell weg.

Denn die Leute, die so eine Bahn zur Verfügung stellen, wissen ja schließlich im Allgemeinen, was sie tun.
So hält man sich also an den Händen und lächelt sich an, obwohl man total aufgeregt ist.
Aber es ist eine gute Aufregung, die Seele spürt, da tut sich was!
Dann geht es bergauf, es werden Unsicherheiten überwunden und man will mehr von dem anderen erfahren.
Immer weiter hoch, an Ängsten vorbei, auch an solchen, von denen man bis eben selbst noch nichts wusste.
Und dann kommt er, dieser ganz bestimmte, spannungsgeladene Moment.

Ganz oben auf der Spitze hält die Bahn nämlich nochmal kurz an und es reicht gerade noch für einmal tief Luft holen.
Beide sehen links und rechts runter und ihnen wird schwindelig.
Aber egal, der Himmel wird´s schon richten (also du!), wir schaffen das!
Und dann beginnt die Fahrt so richtig.

Das mag ich eigentlich total gerne, hier kann man das Leben so volle Kanne spüren.
Mit ordentlich Schwung bewegt sich das Gefährt Richtung Erde und es könnte so schön sein, bis…
…einer von beiden mittendrin schreit „Ich steige aus!
Ich will nicht da unten ankommen!
Mir reicht der Ausblick von hier schon völlig!
Fahr ruhig alleine weiter!“
Und die Bahn hält quietschend mittendrin an, dass die Bremsen rauchen.
Gebrauchsanweisungen für solche Fälle hast du ja nicht gerade an jedem Baum hängen!

Damals hab ich ziemlich verdutzt gekuckt, kannst du dich erinnern?
Ich hab ja nicht geschrien, aber er.
Und weil ich nicht wusste, was zu tun war, hab ich es erstmal dem Specht nachgemacht.
Ich bin so oft mit meiner Fragerei gegen seine Wand gelaufen, wie der Specht ins Holz hämmert, um eine Höhle zu zimmern.

DU kennst ja alle Antworten.

Aber als Mensch möchte man gerne verstehen, was das zu bedeuten hat.
Man bekommt eine Einladung, dann ein Ticket, man überlegt gar nicht lange und steigt ein.
Schließlich hattest du ja noch den ganzen Weg mit himmlischen Zeichen gepflastert.
Dann wird der Sicherheitsbügel umgelegt, velleicht gibt´s auch noch rote Rosen in die Hand gedrückt.
Gefühle hoch und runter, man macht das alles irgendwie mit, schließlich geht es ja um Liebe.
Und dann schwups, aus die Maus.
Stillstand. Schweigen. Fahrt beendet.
Egal, wie gut man den anderen spüren kann.
Egal, wie tief und alt die Verbindung ist.
Alles egal. Käse gegessen. Seelenvertrautheit in den Gulli gekippt.
Verweigerung sämtlicher Möglichkeiten auf der anderen Seite.

Nix mehr mit Händchen halten und Frischwind um die Nase.

Das akzeptiert man doch erstmal nicht einfach so?
Außer man hat ein Herz aus Stahl, aber ich glaube, das ist wohl eher selten.
Es ist dieses Gefühl, doch gerade erst die Garantie für den Jackpot bekommen zu haben.
Als ob man am Schießbudenstand den Hauptgewinn erreichen könnte, diesen riesigen rosa Bären.

– Zwischennote: Bitte nimm das jetzt nicht wörtlich.
Ich weiß, wie schnell du manchmal liefern kannst.
Ich bin absolut nicht an einem großen rosa Plüschtier interessiert! –

Und dann müht man sich ab, doch irgendwie diese Dosen zu treffen.
Versucht es von oben, von unten, tanzt im Baströckchen eine Runde Samba, nochmal ein Wurf von der Seite, aber es geht einfach nicht.
Es ist kein vorwärtskommen in Sicht.
Aber soll ich dir was sagen?
Irgendwann hat man die *beeep* voll. Irgendwann ist es genug geworfen und geklopft und gehämmert.
Und geweint. Dein Meeresspiegel ist damals bestimmt durch meine Tränen gewaltig angestiegen.
Dann nimmt man all sein Handwerkszeug weg, wirft den rosa Bären um, zeigt der ganzen Sache gepflegt einen bestimmten Finger und geht.
Läuft an der Achterbahn vorbei und lässt ihn da, wo er es haben wollte, sitzen.
So ähnlich hab ich das auch gemacht. Irgendwann war Ende Gelände.
Die Ladung an Geduldspatronen war mir ausgegangen.
Und das war gut so. Weil ich mich bis dahin total verausgabt hatte.

Und das, liebes Universum, obwohl ich durchaus sehr genau hingesehen habe, wo mein Helfersyndrom aktiv ist und wo es um einen echten Seelendienst geht. Denn dieses Mal wollte ich alles richtig machen.
Aber er hat mich immer wieder gekriegt mit meiner Begeisterung zu dem Land, in dem er wohnte.
Fast bin ich in den Telefonhörer gekrochen, um mich mit meiner Seelenheimat verbunden fühlen zu können.
Das kann man eigentlich gar niemandem erzählen.

Mein inneres Kind war auch noch ganz entzückt davon, dass man in seinem Land so viel fluchen darf.
Ich glaube, manchmal habe ich auch zwei Sachen verwechselt.
Die Seelenverbindung war das eine, die tiefe Liebe zu seiner Heimat das andere.
Ich habe mir also Sorgen um einen erwachsenen Mann gemacht, der gut für sich selbst sorgen konnte.
Um einen Menschen, der ein Recht zu wählen hat, genau wie ich.
Und nur, weil er gestern A sagte, muss er morgen nicht B sagen.

Doch jetzt stell dir mal vor, wir Menschen sind so wild auf den vermeintlichen Hauptgewinn und kriegen all deine Zusatzinfos gar nicht mit?
In Wahrheit ist der Plüschbär vielleicht voller Milben und es hätte uns dann wochenlang oder noch länger gejuckt und gewundert, wo das herkommt.
Warum haben wir eine erstaunliche Fixierung auf das, was wir verlieren können?
Dabei gibt es doch immer was zu gewinnen, in meinem Fall war das wahrscheinlich mein Leben.
Denn so wie Herr Heiratsantragsmeister drauf war, wäre das Tempo in vielerlei Hinsicht zu schnell gewesen.
Und außerdem hast du mir durch ihn gezeigt, was Narzissmus wirklich bedeutet.
Davon hatte ich ja wirklich keine Ahnung.

Ich verbuche es jetzt voller Dankbarkeit unter Gnade, dass er die Bahn angehalten hat.

Und gut, dass ich die Zeit seines Schweigens genutzt habe, um zu verhindern, dass er mich nochmal zur Achterbahn einlädt.
So wie jemand, der nur mal eben Zigaretten holen gehen wollte.
Das war meine größte Rettung. Auch wenn es lange mein größter Schmerz war.

Danke, dass du gut auf mich aufpasst, auch wenn ich deine Hinweise schonmal übersehen habe.
Danke, dass du immer wieder einen Aufruf machst, wenn sich jemand aus deinem Team verlaufen hat.
Danke, dass du mich lehrst, das Kämpfen sein zu lassen.
Ich bin ja schließlich kein Ritter mehr.

ANTWORT DES UNIVERSUMS:

„Es ist alles in Ordnung.
Und es hat alles seine Ordnung.
Es gibt kein Versagen.
In der größten Stagnation findest du die größten Chancen.
Auch in Sackgassen halte ich mein Gold bereit.
Was auch immer Gold für dich persönlich bedeutet.
Ich stelle nicht nur eine Chance zur Verfügung, sondern viele.
Manche sind von anderen Menschen und ihrer Wahl abhängig.
So kommen sie entweder zur Verwirklichung oder werden in eine nächstbessere Wahl verwandelt.
Dir stehen immer alle Türen offen.
Hindernisse sind oft Hauptgewinne.
Das Leben ist keine beschriftete Tupperdose.
Es ist viel besser!“

1-11-2020

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Brief ans Universum Nr. 3

Brief ans Universum Nr. 2

Liebes Universum,

vor ein paar Jahren hast du mich eine große Liebe wiederfinden lassen.
Ich traue dir ja echt viel zu, aber ob du wohl wirklich wusstest, was du damit anstellst?
Ziemlich ins Zeug gelegt hat er sich, also zumindest eine ganze Weile lang.
Heiratsanträge hab ich gekriegt, so viele wie Geschenke unterm Weihnachtsbaum Platz finden.

Mal so unter uns, das machte die Sache schon auch irgendwie unheimlich.
Aber lieber Himmel, du hast ihn mir noch in einer Meditation angekündigt.
Ich konnte ihn ein halbes Jahr vorher schon sehen, nur ahnte ich ja nicht, das er das ist.
Es war wie nach Hause kommen, verstehst du das?
Er war der Mensch, der mich über viele Leben hinweg schon kannte.

Unsere Pläne ließen mein Herz höher schlagen, es fühlte sich an, wie wenn Dornröschen hellwach aufspringt!
Es gab zwischen uns nur EINE Seelensprache, obwohl uns Kontinente trennten.
Mit ihm über dich zu philosophieren war eine Faszination, die meisten Menschen halten sowas ja immer noch für Unfug.
Ich hörte deutlich seine Seele, auch wenn er als Mensch gerade beschäftigt war.

Er zeigte mir Bilder von unserer Zukunft, unserer gemeinsamen Heimat und ich fing an, zu entrümpeln.
Innen wie außen, wollte ich doch bereit sein für mein neues Leben. Jetzt sollte es endlich losgehen.
„Halte durch, ich brauche noch ein bisschen. Bald hole ich dich ab!“ waren seine glasklaren Seelenworte.
Two souls on a mission. Für traumatisierte Kinder wollten wir unser Bestes geben, damit sie wieder an sich glauben können.

Ich dachte, jetzt beginnt die Reise so richtig, jetzt kommt endlich die Ernte für all die inner work der letzten 20 Jahre.
Ich ging wie durch einen Wasserfall aus puren Glückstropfen.
Vielleicht hab ich sogar vor Glück geleuchtet, weil meine Seele so on fire war.
Das war eine Zeit, in der ich mich frei gefühlt habe, mit allem verbunden.
Du hast mir nicht gleich verraten, was noch so in ihm steckt. Ein Überraschungsei ist ein Witz dagegen!

Und dass er dann seinen freien Willen als Mensch nutzt und vor unserem Seelenplan kneift, wer hätte da drauf kommen sollen?
Dabei war er wie eine Katze mit 9 Leben, und vielleicht war das 9te dann auch mal einfach zuende.
Ob du ihn wohl inzwischen als Engel angestellt hast?
Wenn ja, hast du bestimmt ganz schön mit ihm zu tun, Flöhe hüten ist sicher einfacher.
Nein, ich bin nicht mehr sauer auf ihn, war er doch ein richtig guter Lehrer.

Doch du hast schon recht, ich hätte die Erlebnisse hinter mir lassen können und einen neuen Weg gehen.
Aber irgendwie bin ich ziemlich lange in mich zusammen gefallen, auch wenn ich nach außen fast immer stark war.
Ich hab viel Zeit gebraucht, um das alles zu verarbeiten. Mit wem hätte ich über sowas Extravagantes in vollem Umfang reden sollen?
So eine Seelenliebe zu finden und immer wieder zu verlieren ist wie begeistert den Führerschein machen und dann nicht Auto fahren dürfen.
Ich konnte die Geschenke dieser Geschichte lange nicht erkennen und du kannst schon zugeben, dass du sie auch echt gut versteckt hast!

Heute weiß ich, dass du es gut meinst mit mir.

Doch da wär noch was. Eigentlich bin ich ja nicht so pingelig mit Zeiten.
Aber ich frage mich schon, was du dir dabei gedacht hast.
Es ist 368 Tage her und damals blickte ich nach einem Seminar in blaue Augen, so blau wie ich sie nie zuvor gesehen habe.
Durchkucken konnte man, wie aus einem Hobbithaus hinaus in die weite Welt voll strahlend blauem Himmel.
„Du wirst sehen, in einem Jahr bist du frei!“ sagte die Stimme, die zu den blauen Augen gehörte.
Irgendwas in mir spürte, dass da jemand wirklichen Zugang zu dir hat.

Ich hab mich erschrocken und gefreut zugleich, war es doch unerwartet, dass du SO zu mir sprichst.
Weißt du doch genau, dass ich von dem Zukunftsvorhersage-Kram nicht viel halte, weil man dann denkt, man bekäme von dir Frühstück ans Bett.
Oder den Traummann per Einschreiben geliefert.
So ganz ohne jede persönliche Entwicklung.
Aber das ist doch Mist vom Bauern Hubertus.

Und dann habe ich trotzdem die Tage gezählt, weil man sowas natürlich im Ohr hat.
Die Wochen und die Monate.
Und noch immer war keine Freiheit in Sicht. Also keine von der Sorte, an die ich dachte.
Und dann das. Tag 365, ich spüre zum ersten Mal in diesem Leben, wie es sich anfühlt, größer zu sein.
Größer als die seltsamen Umstände da draußen. Größer als meine Zweifel. Größer als meine Vergangenheit.
Ich war frei! Von ganz tief innen heraus. Ohne jeden äußeren Umstand. Einfach nur in mir drin.
So werden seit Tag 365 nach den Worten des blaue-Augen-Mannes die Karten wieder neu gemischt.

Danke, dass ich mitspielen kann im Abenteuer Leben.
Danke, dass du mir immer irgendwie die Kraft gibst, weiterzugehen.
Danke, dass du sehr hartnäckig damit bist, mich zu erinnern, dass es da noch mehr zu entdecken gibt.

Du weißt, wie ich das liebe.

ANTWORT DES UNIVERSUMS:

„Für dich gibt es mehr als 3 ZKB mit Rheinblick oder ein Strandhaus am Meer.
Du BIST das Meer.
Du musst nicht abgeholt werden, du bist schon längst dort.
Du musst auch nirgendwo hin, du bist bereits angekommen.
Zuhause ist immer dort, wo DU bist.
Aber dein Körper und deine Seele schätzen Orte, die ihrer Frequenz entsprechen.
Wenn eine Schnecke ihr Haus verlässt, zieht sie um in ein neues, weil es ihr zu eng in dem vorherigen geworden ist.
Menschen halten oft an ihren alten Schneckenhäusern fest und das bereitet dann den großen Schmerz.
Let go of the old you und entspanne dich in das noch Unbekannte hinein.
Immer von innen nach außen. Nicht umgekehrt.“

23-10-2020

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Brief ans Universum Nr. 3

Brief ans Universum Nr. 1

Liebes Universum,

Vanillepudding sollte doch ein gutes Omen für den nächsten Tag sein.
Hab ich ihn abends noch extra gekocht und mich schon riesig drauf gefreut.
Doch irgendwie war mir schon morgens komisch im Bauch und ich ahnte es.
Am Vortag gab es nicht nur den vorgekochten Pudding, sondern auch ziemlich viel Selbstreflektion.
Und auch wenn ich das immer noch gerne vergesse, am Tag drauf kommt dann meistens noch ne Ladung an Emotionen hinterher.
Die winkt aber nicht wie Tante Trude am Bahnhof fröhlich dem Zug hinterher, die ist eher wie ein innerer Sturm aus dem Nichts.

Und da war er, plötzlich, mitten am Tag hatte ich ein inneres Bild vor Augen. Das war mir schon bekannt, aus meiner Therapeuten-Ausbildung vor ca. 7 Jahren. Bei einer Rückführung sah ich mich damals als eingesperrten Ritter. Hoch im Turm stand ich da und kam nicht mehr raus, als ein gestandener starker Mann mit Rüstung und Schwert. Ich konnte durch ein Fenster nach draußen sehen und ich fühlte einen tiefen Schmerz und einen enormen Widerstand gegen das Geschehen, denn eigentlich sollte ich da draußen sein und für das Gute kämpfen. Pustekuchen, das wurde nix mehr.

Ich war sicher, dass das längst geheilt war, doch es ging noch weiter.

Bilder aus meiner Kindheit, wie ich in einer fremden Schule von einem fremden Mitschüler eingesperrt und bedroht wurde, der das wohl ziemlich witzig fand. Bilder wie ich mich gefangen fühlte in Situationen, die ich selbst unwissentlich herbeigeführt oder zumindest zugelassen habe. Bilder, wie ich stuck in the middle war, so wie schon als Ritter.
Und dann kamen die Tränen, das Thema war immer noch nicht durch.

Tränen der Hilflosigkeit, der Ohnmacht, Tränen der Traurigkeit.
Wie bei meinem Lieblings-Eisdealer, von jeder Sorte etwas.

Seit Jahren suche ich ein echtes Zuhause und habe eine große Sehnsucht nach Veränderung.
Was hab ich alles getan, um Bewegung in die Angelegenheit zu bringen.
Mindestens soviel, wie ich Ausreden hatte, warum es nicht gehen wird. Ich hab sie nicht bemerkt.
Dazwischen hab ich mir die Decke über den Kopf gezogen, weil ich es nicht mehr spüren wollte. Das war mir zu groß!
Das da draußen war zu groß, zu mächtig, zuviel.

Wie oft habe ich dich um Hilfe gebeten, aber ich konnte dich nicht hören.
Ich selbst habe die Veränderung verhindert, aus Angst, wieder nicht anzukommen.
Aus Angst, nochmal enttäuscht zu werden.
Aus Angst, mich wieder gefangen und unfrei zu fühlen, auch an dem neuen Ort.

Nein, Universum, das war mir nicht bewusst.
Aber jetzt verstehe ich es.
Jetzt kann ich dir den Raum geben, mich zu befreien.
Ich kann dir den Raum geben, die alten Bilder abzuholen und zu entsorgen.
Ich kann dir den Raum geben, diese Träume endlich zu verwirklichen.
Weil ich sie nicht nur träume, sondern weil ich bereit dafür bin.
Ich kann MIR diesen Raum geben, weil ich größer geworden bin als die alten Ängste.

Danke für diese Einsicht. Danke, dass du immer an mich glaubst, auch wenn ich es mal nicht tue.
Danke, dass du zuhörst. Danke, dass du immer die aktuellsten News hast.
Man muss nur zu deinem Kiosk und nach der neuesten Zeitung fragen.

Ab jetzt mach ich das.

ANTWORT DES UNIVERSUMS:

„Wähle frei zu sein und alles andere wird deiner Wahl folgen.“

21-10-2020

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Elefantenrüssel

Elefantenrüssel

Oder auch:

Die Sache mit dem Saugen

 

Um es vorweg zu sagen, diese Geschichte ist wahr.

Und ich liebe Elefanten wirklich sehr.

Außerdem hat mich mein Vater nie Illegales gelehrt.

Aber an der ein oder anderen Stelle hab ich als Kind miterlebt, wie man Situationen beschleunigen kann.

Vor einigen Jahrzehnten gab es einen Wanderzirkus, dessen größtes Highlight ein Elefant war.

Auf etlichen Plakaten sah er mir entgegen und es zog mich wie magisch zu ihm.

Allerdings gab es ein Problem. Ich wollte mir keine Show ansehen, in denen eingesperrte Tiere vorgeführt werden.

Aber das war ja damals der übliche Weg, so ein prachtvolles Tier zu Gesicht zu bekommen.

Da fiel mir mein Vater ein und die Möglichkeit der Beschleunigung.

Es brauchte also eine andere Lösung und die hieß Karotten, Toastbrot, Bier und Zigaretten.

 

Die ersten zwei für den Elefanten, die letzten beiden für seinen Pfleger, bitte nicht verwechseln.

Und schon gar nicht nachmachen!

Weitere Zutaten: Mut, Höflichkeit, Respekt, Freundlichkeit, Achtsamkeit.

Der Pfleger war etwas überrascht, aber er erkannte schnell den Mehrwert und ich durfte zu ihr.

Zu einer liebenswerten Elefantendame, die sich sichtlich über meinen Besuch freute.

Und ich mich erst. Weit und breit niemand, der ihr oder mir Vorschriften machte.

Karotten und Toast waren schnell in ihrem großen Bauch verschwunden.

 

Ich freute mich wie ein kleines Kind an Weihnachten.

Also nicht über das majestätische Tier in Gefangenschaft, sicher nicht.

Aber darüber, dass sie sich für mich nicht zum Affen machen musste.

Und darüber, dass ich in Ruhe mit ihr reden konnte, ich bin sicher, sie hat jedes Wort verstanden.

Weißt du, wie sich ein Elefantenrüssel anfühlt, wenn er anfängt, dich auf Fressbares zu untersuchen?

Eigentlich könnten Elefanten gut als Security wirken und die Leibesvisitiation übernehmen.

Um Loriot zu zitieren:

„Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann!“

 

Ein Elefant stellt dich auf den Kopf, wenn du nicht aufpasst.

Er findet den letzten Krümel, den du in der Tasche hast.

Als Elefant darf er das natürlich auch und da stört es mich keinen Meter.

Aber wie ist das im echten Leben mit all den menschlichen Elefantenrüsseln?

Ein Schelm, wer jetzt Neckisches denkt. Das meine ich nicht.

 

Wenn man nicht aufpasst, läuft die Ware immer nur von innen nach außen vom Band.

 

„Geben ist seliger denn nehmen“ wird uns lange und breit erzählt.

Zeit, Geld und Energie fließt vorwiegend zu den anderen und wir lassen es zu.

Im inneren Betriebssystem steht der Schalter groß auf „Giving“.

Hinz und Kunz steht Tür und Tor offen, weil wir wollen ja die Guten sein.

 

Und selbst, wenn H&K gar nicht vorbeisehen, fangen wir an, die Welt mit unseren Gaben zu bespassen.

Sie ihr fast schon aufzudrängen. Man muss ja was tun, um geliebt zu werden.

Der Herzensmensch darf so ziemlich alles, Mühe geben braucht er sich keine.

Grenzen gibt es kaum welche und wenn, dürfen sie auch mal übertreten werden.

 

Weil er ja nicht anders kann. Weil wir sie ja so gut verstehen.

Weil wir ständig mitfühlend und empathisch sind.

Weil wir auch für andere Verantwortung übernehmen, die uns gar nix angeht.

Ein altes Kinderschema sagt Hallo.

 

Der Schalter, um ein Gleichgewicht zu halten, ist Simsalabim in Vergessenheit geraten.

Man vergisst sich selbst und irgendwann staut es sich an.

Einbeinig lässt sich nicht so gut laufen.

 

Aber empfangen ist etwas, mit dem sich viele von uns richtig schwer tun.

Ja, geben ist wunderschön.

Wenn ich könnte, wäre ich ganzjährig der Weihnachtsmann.

Aber selbst der braucht mal Pausen und Erholung.

Und freut sich riesig über jemanden, der ihm ein saftiges Stück Kuchen bringt.

Wenn wir immer nur austeilen, ist es irgendwann leer in uns.

So leer, wie meine Jackentasche nach dem Besuch bei der Elefantenlady.

 

Und dann ist die Enttäuschung da. Das Gefühl mißbraucht zu werden steigt auf.

Das Gefühl, nichts wert zu sein, weil nichts oder nur wenig zurück kommt.

Immer und immer wieder verdrängen wir es durch weiteren Aktionismus.

Doch es braucht auch den anderen Schalter.

„Receiving“ muss genauso aktiviert sein.

Wir dürfen es uns erlauben, wir dürfen empfangen.

Den Augenblick, die Weisheit unserer inneren Führung, liebevolle Gesten, Geschenke, Wertschätzung von außen, Wunder…

Ein paar Jahre später hab ich sie wieder besucht.

Die Sache mit der Beschleunigung war auch da wieder von Vorteil.

So kam ich zu der Situation, dass sie ihrem Pfleger ausbüxte, sie wollte partout nicht mit in ihr Zelt kommen.

Dieses Mal schenkte sie mir etwas Großes, ganz offensichtlich. Und alle Umstehenden waren ziemlich verblüfft.

Es war ihr Vertrauen.

Ich ging zu ihr, streichelte ihren Rüssel und lud sie ein, mit sanften Worten, mit mir zu kommen.

Sie zögerte keine Sekunde und folgte mir.

Ihr Pfleger meinte, ich könne seinen Job haben.

 

Ich hatte etwas ganz Wertvolles gelernt.

 

Wenn du an der richtigen Stelle gibst, kommt es auch von der richtigen Stelle wieder zu dir zurück.

Das muss nicht die gleiche Situation sein.

Auch nicht die gleiche Zeit, die gleiche Summe oder genauso viele Karotten.

Es gleicht sich alles aus, früher oder später.

Aber dafür müssen unsere inneren Schalter an sein. BEIDE.

Ein Elefantenrüssel ist schlau.

So manch menschlicher ist es auch.

Also lass dich nicht aussaugen.

Sieh genau hin, was du aus freiem Herzen wirklich geben willst und kannst.

Sag auch mal Nein, wenn es dir zuviel wird.

Überprüfe, ob das was sich gestern gut anfühlte, heute auch noch so ist.

Stoppe dein inneres Kind, wenn es sich wieder verausgaben will.

 

Lehre es mit Geduld, wertvoll zu sein, ohne ständig etwas dafür tun zu müssen.

Sag JA zum Leben mit all seinen Annehmlichkeiten.

Hör auf damit, sie zu verweigern, sie suchen sich sonst einen anderen Ort.

Und das wär ja Blödsinn. Bei dir ist es doch schön!

Und dann kannst du auch Elefanten unterstützen.

Oder Affen.

Oder den Lieblingsmenschen.

Nicht aus unterschwelligen Schuldgefühlen heraus.

Nicht aus der Sucht nach Anerkennung.

Nicht aus Verlustangst.

 

Viel größer, besser, nachhaltiger!

Und aus echter Liebe.

~Rebekka Gutmayer~

P.S.: Meinen Goldesel kann man auch füttern! Vielen Dank 🙂

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Krissy und das goldene Herz

Krissy und das goldene Herz

Krissy reiste gerne und viel. Schon in ihrer Kindheit war sie ziemlich aufgeregt am Tag vor Urlaubsbeginn. Sie zappelte die halbe Nacht unter ihrer Bettdecke hin und her und fragte sich, was es diesmal wohl zu entdecken gab. Es lies ihr kaum Ruhe und in ihrer Phantasie erlebte sie schon vorab die größten Abenteuer.

Sie träumte von irischen Kobolden, die Verkehrskontrollen an der Autobahn durchführten und von Schafen, die Ballett tanzten, sobald sie auf einen Menschen trafen. Nur bei ihrem Schäfer, da machten sie sich längst nicht mehr die Mühe, denn der war sowieso ständig in Gedanken versunken.

Gesamtes Kapitel 1 lesen

Krissy reiste gerne und viel. Schon in ihrer Kindheit war sie ziemlich aufgeregt am Tag vor Urlaubsbeginn. Sie zappelte die halbe Nacht unter ihrer Bettdecke hin und her und fragte sich, was es diesmal wohl zu entdecken gab. Es lies ihr kaum Ruhe und in ihrer Phantasie erlebte sie schon vorab die größten Abenteuer.

Sie träumte von irischen Kobolden, die Verkehrskontrollen an der Autobahn durchführten und von Schafen, die Ballett tanzten, sobald sie auf einen Menschen trafen. Nur bei ihrem Schäfer, da machten sie sich längst nicht mehr die Mühe, denn der war sowieso ständig in Gedanken versunken.

Und von großen, sprechenden Seekühen, die Touristen tagsüber von einem Ufer zum anderen brachten, immer zur vollen Stunde. Was genau das für ein Land sein sollte, war Julia nicht klar. Aber die Seekühe kamen ihr schon ziemlich echt vor.

Es tauchte in ihren Träumen auch manchmal ein Engel auf, der mit ihr sprach. Ein bisschen lustig sah er aus, nicht wegen der großen Flügel, das kennt man ja schließlich schon. Eher wegen der Tasche, die er immer bei sich trug.

Ein bisschen erinnerte er sie an den Schulrektor Herr Albers, wie er morgens mit konzentrierter Miene und seiner heiligen Ledertasche die Schule betrat.
Niemals ließ er sie aus den Augen, auch dann nicht, wenn er die Waschräume aufsuchte. Als ob er Edelsteine mit sich herumtragen würde.

Regelmäßig gab es neue Gerüchte, was es wohl nur sein könnte, das er so hütete wie eine Gans ihre Gänsekinder. „Ob man das wohl jemals herausfinden wird?“ fragte sich auch Krissy. Aber da der Rektor bald in Rente gehen würde, war das eher unwahrscheinlich.

Und jetzt dieser Engel, der im Unterschied zum Schulleiter die Tasche nicht fest und fast schon verkrampft unter seinen Arm presste, sondern eher locker umhängen hatte. Man könnte glatt meinen, dass er auch Zeugnisse mit sich führt.

Oder selbst zur Schule geht, gibt es denn sowas für Engel? Kluge Sachen schien er zu sagen, aber an die genauen Worte konnte sie sich meistens nicht mehr erinnern, wenn sie morgens aufwachte. Sie war sich immer noch nicht ganz sicher, ob er nuschelte oder ob sie einfach so vergesslich war.

In der Realität sah sowieso alles ganz anders aus.

Da war von diesen ganzen Verrücktheiten – so nannte das ihr Vater mitunter – weit und breit nichts zu sehen.

Immerhin, auf der Hinfahrt zur Mittelmeerküste gab es wilde Pferde in der Provance zu bestaunen, wie sie so frei und ungestüm und mächtig ihr Leben lebten. Julia konnte ihnen stundenlang zusehen, also in der Theorie. Manchmal hatte sie bei einer kurzen Rast am Straßenrand wenigstens ein paar Minuten Zeit dazu, während ihr der warme Wind sanft ihre Haare verwirbelte, als ob er sie trösten wollte. Das war letztes Jahr, als ihre Mutter ziemlich krank war, also noch kränker als sonst schon.

Ihr Vater beschloss, weil er sich auch nicht recht zu helfen wusste, dass seiner Frau das mediterrane Klima gut tun würde. Überhaupt konnte auch er gut eine Auszeit gebrauchen, stellte er eines Morgens fest, als er seufzend seine tiefen Augenringe im Spiegel betrachtete.

Er war müde und erschöpft vor Sorge um seine Frau und vor schlechtem Gewissen Krissy gegenüber.

Er hatte kaum mehr Zeit für sie, entweder arbeitete er als angestellter Bauingenieur einer großen Firma, und das war nicht wenig, was es dort zu tun gab oder er pflegte Zuhause Sophie, seine große Liebe. In einer Bäckerei in Hullershausen arbeitete sie damals und es war Liebe auf den ersten Blick.

Man könnte sagen, es war eine der doch eher seltenen Begegnungen, wo sich zwei mal zwei Augen ansahen und sofort begannen überschwänglich zu strahlen. Wie wenn jemand nachts die Eifelturm-Beleuchtung nach einem Stromausfall wieder einschaltet und das gerade noch dunkle Paris in wenigen Sekunden erleuchtet wird.

Sophie glaubte wohl an Bestimmung und Schicksal und auch wenn Krissy´s Vater mit solchen Sachen schon noch skeptisch war, ließ er sich zügig davon überzeugen. Konnte er doch deutlich und nicht von der Hand zu weisend spüren, dass es kein links und kein rechts mehr gab, wo er hinsehen wollte.

Nur zielstrebig geradeaus, dort wo Sophie war und sein Herz zum schmelzen brachte. Er würde alles für sie tun, also wirklich ohne Ausnahme. Jedenfalls wäre ihm bisher keine eingefallen und sie hatten wirklich schon viel miteinander erlebt in all den Ehejahren.

Also überredete er seine Familie zu einem zweiwöchigen Urlaub in Frankreich. Auch wenn sie sich schwächlich fühlte, willigte Julias Mutter schlussendlich ein. Denn ihr Mann war nicht einfach nur ihr Mann, sondern ein echter Seelengefährte. So einen von der Sorte, die man vermutlich nur einmal im Leben trifft. Das hatte sich nie geändert, bis heute nicht. Sie sah ihn nicht mehr so oft an wie früher, aber wenn es ein kleines Leuchten in ihren Augen gab, dann war es genau in diesen Augenblicken.

Sie mieteten ein kleines, aber höchst komfortables Ferienhaus an der Côte d’Azur, das sogar einen eigenen Zugang zu einer kleinen Bucht am Meer hatte. Aus Liebe zu Sophie verzichteten der Vater und Krissy auf größere Ausflüge ins romantische Umland, aber an den sauberen und ansonsten menschenleeren Strand zog es sie beide häufig.

In der naturbelassenen Umgebung konnte man in aller Ruhe wieder zu sich kommen. Wenn man vorher schon nicht mehr so richtig bei sich war, war das eine äußerst praktische Angelegenheit.

Krissy genoss die Zeit am Meer.

Manchmal tauchte sie nach den kleinen, bunten Fischen, die sie dann neugierig umkreisten, manchmal zählte sie auch einfach nur die Möwen am hellblauen Himmel. Oder sie schnitzte etwas aus dem Treibholz, das das Wasser fleißig angeschwemmt hatte.

Ein kleines Schweizer Taschenmesser hatte sie immer bei sich und sie benutzte es voller Stolz, schließlich bekam sie es von ihrem Vater zu ihrem 6. Geburtstag. Er wollte, dass sein Kind wenigstens stabiles Werkzeug in ihren Händen hatte, wenn sie schon nicht von der Schnitzerei abzubringen war.

So entstand auch dieses Mal wieder eine abstrakte Figur und Krissy betrachtete ihr neuestes Werk voller Vergnügen.

Obwohl sie auch ab und an alleine Zeit am Meer verbrachte, hatte sie komischerweise immer das Gefühl, dass sie gar nicht alleine war.

Wie wenn man einen Windhauch spüren kann, obwohl es gänzlich windstill ist. Eigenartig kam ihr das schon vor, schien sie auch noch die Einzige zu sein, die das so wahrnehmen konnte. Trotzdem war sie hier in an der Küste äußerst zufrieden mit sich und ihrer Umgebung.

Nur bei Sophie wollte auch dieser magische Ort nicht so recht Eindruck machen.

Es war fast wie zuhause, im Wohnzimmer der Eltern, wo die Mutter meist den halben Tag in Gedanken versunken und geistig abwesend in ihrem großen, braunen Ohrensessel saß. Im Grunde machten hier die vielen Sandkörner unter ihren Füßen den einzigen Unterschied. Und dass sie aufs offene Meer statt auf die heimische Tapete starrte.

Sie hatte eher selten Kraft zu sprechen und war sehr oft in eine Decke gehüllt, weil es sie so von innen heraus fröstelte.

Selbst bei den hohen Temperaturen, die es draußen gerade hatte, saß sie eingemummelt in ihrem perfekt verarbeiteten Liegestuhl aus Teakholz.

Gesamtes Kapitel 2 lesen

Krissy tat das sehr leid und das war einer der Gründe, warum sie Zuhause versuchte, den ganzen Tag so leise wie es nur irgend ging zu sein.
Sie kam von der Schule und schlich auf Zehenspitzen die Treppen zu ihrem Zimmer im ersten Stock des gepflegten Einfamilienhauses hinauf, um sich auch dort möglichst unauffällig zu verhalten.

Es kam sogar soweit, dass sie schon auf dem Nachhauseweg flaue Gefühle in den Magen bekam, aus Angst was sie wohl heute wieder in den vertrauten vier Wänden erwarten würde. Da gab es schon so manches Mal Überraschungen, aber nicht die von der schönen Art.

Doch sie versuchte, diese Gedanken zu verscheuchen, wie es der Nachbar mit der kleinen Katze Minka tat, wenn sie ihm erneut mit aller Begeisterung eine Maus vor die Haustüre legen wollte. Minka liebte ihn heiß und innig, aber er liebte nunmal keine Mäuse.

Also begann sie, sobald sich die Tür ihres Schulbusses öffnete, so fröhlich es ging, irgendwelche Lieder aus dem Radio nachzupfeifen oder sich Geschichten über den schweigsamen Busfahrer und sein Leben auszudenken, damit die aufsteigenden dunklen Wolken in ihrem Kopf möglichst schnell wieder verschwanden.

Die Reise nach Frankreich war eine von vielen, die der Vater mit seiner Familie unternahm.
Aber auch sie änderte so ziemlich gar nichts an Sophies Verhalten.
Eigentlich wären sie ja zu viert gewesen, aber Kai, Krissy´s kleiner Bruder verliess das Erdgeschehen schon sehr früh.

Er war ein Frühchen und wurde nur knapp ein Jahr alt.

Darüber wollte aber auch niemand so wirklich reden, Sophie am Allerwenigsten. Hier vermuteten auch alle Freunde und Bekannte die Ursache ihres schwachen, körperlichen Zustandes. Alle hatten sich sehr auf Kai gefreut, er war ein Wunschkind, genau wie Krissy.

Es gab damals eine riesige Willkommensparty für ihn mit vielen bunten Ballons, herrlich duftendem selbstgebackenem Kuchen und Tante Hilde´s unvergleichlichem Kartoffelsalat mit Würstchen aus dem Nachbarort.

Krissy trötete jedem Gast ungefragt und auch oft unerwartet eine Luftschlange zur Begrüßung entgegen, nahm die Geschenke ab und rannte damit aufgeregt zum Gabentisch für ihren kleinen Bruder.

Man kann sich vorstellen, dass es ein heilloses Durcheinander war, aber auch ein sehr fröhlicher Tag für viele lachende Menschen mit strahlenden Augen.

Von den meisten Nachbarn wurden sie sowieso als Bilderbuchfamilie gesehen und als Vorbild für so manch andere Ehe.
Bis auf die, die darauf neidisch waren, aber die gibt es ja überall, da brauchte man sich nicht so viele Gedanken machen.

Sieben Jahre war sie älter und kaum dass es bekannt wurde, dass sie einen Bruder bekommt, hielt sie jeden Abend vor dem Schlafengehen ihr Ohr fest an Sophies Bauch.
„Wie geht es dir da drin, du kleiner Pups?“ fragte sie ihn liebevoll und war sich auch sehr sicher, dass sie Antworten von ihm hören konnte.

Also so innerlich, natürlich nicht laut, das geht ja schließlich rein biologisch noch nicht.
Sophie lächelte dann immer und streichelte Krissy sanft über den Kopf.
Lange hatten sie darauf hin gefiebert, denn es erwies sich als gar nicht so einfach, diese ganze Angelegenheit mit der zweiten Schwangerschaft.

Und gerade dann, als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten, war es soweit. So glücklich war sie, mit ihren beiden Kindern. Bis eben zu diesem einen Tag, von dem alle so tun, als hätte es ihn nie gegeben.

Tante Hilde war eine Frau, die in so fast jeder Situation einen kühlen Kopf bewahrte. Sie unterstützte Krissy´s Vater so gut es ging, da war es auch praktisch, dass sie nur zwei Häuser weiter wohnte.

Immer dann, wenn Krissy die traurige Stimmung nicht mehr aushielt, sprang sie aus dem Elternhaus heraus, mit Vollgas am Nachbarn vorbei und platzte nicht selten nach Luft ringend in Hildes Küche hinein.

Da war es von großem Vorteil, dass ihre Haustüre tagsüber so gut wie immer offen stand, außer im Winter, aber dann steckte von außen ein Schlüssel.
An diesen Tagen ging es einfach nicht, sie konnte sich mit nichts ablenken.
Dann verknoteten sich ihre Gedanken wie ein altes Schiffstau und sie wusste, nur Hilde würde die richtigen Worte finden.

Wobei, manchmal saßen sie aber auch einfach nur schweigend nebeneinander, während Hilde irgendwelche Handarbeiten machte.
Krissy hatte daran keinen großen Spass, aber sie sah gerne dabei zu, wie etwas Neues entstand und ihre Tante hatte ein ziemliches Geschick und obendrein auch noch ein gutes Gespür für Schönheit.

„Hast du Hunger?“ fragte Hilde, während sie gerade in aller Seelenruhe den Tisch deckte. Krissy schüttelte den Kopf und ging zielstrebig auf den Schaukelstuhl im Wohnzimmer zu. Sie setzte sich auf die geblümte, weiche Auflage und begann hin und her zu wippen.

Sie wollte gar nicht so wirklich reden und die erste Träne kündigte sich auch schon an.

Hier bei ihrer Tante konnte sie durchatmen und sich sortieren und immer wenn sie so unbedingt stark sein wollte, war dies der Ort, an dem ihre Gefühle die Chance nutzten. Dann platzte an manchen Tagen alles einfach heraus, wie bei einem Staudamm, der nicht mehr dicht halten konnte. Und mit gerade 12 war man ja sowieso in einem recht speziellen Alter, wo so alle möglichen Einflüsse und Angelegenheiten auf einen einprasselten.

Für Außenstehende muss Hilde manchmal etwas abwesend und unbeteiligt gewirkt haben, aber genau das Gegenteil war der Fall.

Sie arbeitete innerlich ununterbrochen an Lösungen für alle Menschen, die ihr sehr nahe standen. Nur zeigte sie es auf den ersten Blick nicht gleich und so war es auch dieses Mal.

Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Nichte, hörte mit ihrer Küchenarbeit auf und verschwand wortlos in einem Nebenzimmer. Einige Minuten später kam sie zurück und sah Krissy mitfühlend an. Sie kniete sich neben den Schaukelstuhl und hielt ihr ihre rechte, verschlossene Hand hin. Krissy wusste, dass bei der Tante mit so allem zu rechnen war. Aber sie ahnte nicht, was jetzt folgen würde.

„Sieh nur“, sagte Tante Hilde und öffnete dabei langsam ihre Faust.

„Es wird dich ab heute daran erinnern, dass du ein Herz aus Gold in dir trägst, egal wie dunkel es um dich herum ist.
Was auch immer dir noch begegnen wird, du hast alles bereits in dir. Manchmal denken wir nicht daran, vor allem dann nicht, wenn unser Schmerz am Größten ist. Aber gerade dann brauchen wir Zeichen, Wunder und Erinnerungen“ sagte sie und es wurde eine goldene Kette mit einem goldenen Herz-Anhänger sichtbar.

In der Mitte des Herzens funkelte ein hochgradiger und lupenreiner Diamant in den schönsten Farben.

„Meine geliebte Großmutter, also deine Urgroßmutter, hat sie mir vor unendlich vielen Jahren anvertraut und ich gebe sie an dich weiter, weil du ein hochsensibles Kind bist und ich weiß, dass du gut darauf acht geben wirst.“
Sie drückte Krissy das kostbare Geschmeide langsam in die linke Hand und verschloss sie wieder sanft mit einem geheimnisvollen Gesichtsausdruck.

„Und“, sagte Tante Hilde, „an den Tagen, wo du besonders glücklich bist, verstärkt sie dein Glück. Dann strahlt dein Gold so stark in die Welt hinein, dass du andere Menschen damit ansteckst.
Wie bei einem angezündeten Streichholz, das du in eine ganze Streichholzschachtel hinein hältst.

Das ist vielleicht mit bloßem Auge nicht sichtbar und nicht jeder wird wissen, dass du etwas damit zu tun hast. Aber das spielt auch keine Rolle.
Wichtig ist ja, dass sich jetzt das Gute, Helle und Schöne überall verbreitet und wie eine große Welle nicht mehr aufzuhalten ist. Und du bist Teil dieser Welle, ein ausgesprochen wichtiger sogar, das musst du einfach wissen.

Und außerdem…ach du findest es schon heraus.“

Sie atmete fast unhörbar tief durch, stand wieder auf und zog ihre Küchenschürze zurecht.
„Es wartet dein Lieblingsessen auf dich, bist du sicher, dass du keinen Hunger hast?“ fragte sie Krissy.
Diese war irgendwie sonderlich berührt, spürte aber auch, wie sich eine innere Ruhe ausbreitete und sie nickte.

Das erste Lächeln an diesem Tag begann sich in ihrem Gesicht zu entfalten, schließlich konnte sie sich das nicht entgehen lassen.
Sie hing sich die wertvolle Kette um den Hals, steckte das Herz aber unter ihren Pullover.
Es war ihr lieber, nicht so viel Aufsehen zu erregen und dann womöglich noch komische Fragen beantworten zu müssen.

Pappsatt und inzwischen auch ganz schön müde schlenderte Krissy nach Hause zurück. Sie hatte es nicht wirklich eilig, denn der Geschäftswagen ihres Vaters stand noch nicht von der Tür.
An der kleinen Mauer des gegenüberliegenden Nachbargrundstückes setzte sie sich und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

Es waren keine zwei Minuten vergangen, da sauste Minka um die Ecke und sprang leichtfüßig zu ihr hoch.

Man könnte fast meinen, die kleine Katze würde irgendwo versteckt auf der Lauer liegen, um vorbeilaufende Passanten aus dem Nichts heraus voller Verzückung zu begrüßen.

Minka gehörte zu den Exemplaren ihrer Gattung, die schon schnurrten, wenn man sie nur ansah.
Sie legte sich dicht neben Krissy und begann sich ausgiebig zu putzen. Dabei brummte ihr ganzer Körper wie ein kleiner Rasenmäher, den man durch zu hohes Gras schieben wollte.

Krissy wuchs in einem ziemlich behüteten Elternhaus auf. Also fast, denn sie sehnte sich nach mehr Zeit mit ihrem Vater und dem glücklichen Lachen ihrer Mutter. So wie damals, als Kai gerade frisch auf die Welt gekommen war.

Doch dann kam alles anders. Ohne den kleinen Bruder war es leer, er fehlte ihr so sehr. Sie zweifelte, ob das Leben überhaupt einen Sinn ergab und ob sie jemals die große Liebe finden würde, so wie sie ihr von ihren Eltern vorgelebt wurde.

Es kam ihr zudem so vor, als müsste sie besser jederzeit damit rechnen, von allem was sie innig liebte, wieder verlassen zu werden. Dabei hätte sie so gerne echte Freunde an ihrer Seite, die bleiben. Also genau das Gegenteil von Jan.

Zum Glück gibt es noch Tante Hilde, den ruhenden Pol der Familie. Und diesen ominösen Engel mit der Umhängetasche, der im Traum immer wieder mit ihr spricht. Wenn er doch nur endlich deutlicher werden würde!

Eine Geschichte über Seelengefährten, Verlustangst, Einsamkeit, Trauer, Schutzengel, die Verrücktheiten des Lebens. Über unerwartete Überraschungen & die tiefe Sehnsucht des Menschen, einfach nur geliebt zu werden und zu lieben.

Und über ein ungewöhnliches goldenes Herz, das ihr Leben verändern sollte…

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© Rebekka Gutmayer 2020

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